24. Oktober 2025 | Blog

Warum mich das Schweizer Bildungssystem beruhigt

Das Schulsystem der Ukraine fühlt sich an wie ein langer Weg mit einer Verzweigung, jenes Schweiz wie ein Kreisel mit vielen Ausfahrten. 2022 bin ich umgestiegen. Was passiert, wenn deine Zukunft an einem Tag hängt – oder eben nicht?

Als ich vor drei Jahren aus der Ukraine hierherkam, dachte ich zuerst, dass Schule überall irgendwie gleich ist. Man sitzt im Klassenzimmer, macht Hausaufgaben, schreibt Prüfungen. Aber ziemlich schnell habe ich gemerkt, dass dem nicht so ist.

Am Anfang lernte ich vor allem Deutsch. Dann war ich für ein paar Monate in der Oberstufe (9. Klasse). Ich möchte Kunst und Design studieren, weshalb ich mich bewusst für die FMS entschied. In der Ukraine gibt es so etwas nicht.

In der Ukraine kann man bis zur 11. Klasse in der Schule bleiben, wenn man nicht vorher ins Technikum geht. Und dann kommt das eine grosse Ding, das wirklich alles entscheidet: ЗНО (ZNO), heute НМТ (NMT). Diese Prüfung ist kein kleines Hindernis. Sie ist die Tür oder die Mauer. Wer viele Punkte macht, darf an die Uni. Wer nicht, hat Pech. Es gibt keine FMS, keine Berufsmatur, keine Passerelle. Nur wiederholen oder eine komplett andere Richtung. Alles hängt von einem einzigen Tag ab. Und das macht Angst.

Dazu kommt: Es gibt keine verschiedenen Levels wie hier. Keine Real, Sek, Bez. Alle in einer Klasse, egal, wie unterschiedlich sie sind. Wer nicht mitkommt, bleibt sitzen. Ich erinnere mich, wie viele in meinem Jahrgang immer gesagt haben: «Nur noch bis zum ЗНО durchhalten.» Ja, viele beginnen sich ziemlich früh Sorgen zu machen.

Und dann kam ich in die Schweiz. Plötzlich erzählt mir jeder, dass man noch wechseln kann. Dass man später die Passerelle machen kann, nach einer Lehre die Berufsmatur. Dass die FMS auch ein Weg ist, und dass sogar ein Umweg manchmal zum Ziel führt. Es war für mich am Anfang verwirrend. So viele Ausfahrten? Und gleichzeitig war es, als ob mir ein Stein von den Schultern fiele. Man muss sich nicht in einem einzigen Moment beweisen. Man kann Fehler machen, man kann nachholen.

Natürlich ist es auch hier nicht einfach. Wer ins Gymi will, muss schon früh gut sein, und natürlich gibt es auch Druck. Aber es ist nicht endgültig. Es gibt Türen, die man später wieder öffnen kann. Und das macht einen grossen Unterschied im Kopf.

Wenn ich daran denke, sehe ich sofort Bilder. Eine gerade Strasse mit nur einer Verzweigung. Und daneben ein Kreisverkehr, in dem man verschiedene Ausfahrten nehmen oder nochmals rundherum fahren kann.

Für mich persönlich ist es beruhigend, dass ich jetzt in einem System bin, wo man nicht für immer verloren ist, wenn man einmal stolpert.

Text und Fotos: Daria Seliukova, F3d

Dieser Blogbeitrag entstand in der Medienkunde an der FMS. Zehn Schülerinnen und Schüler nehmen die NKSA mit einem selbstgewählten Thema aus subjektiver Perspektive unter die Lupe.