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Matura- und Abschlussfeier FMS

Die jährlichen Matura- und Diplomfeiern sind der Anlass par excellence für pädagogisch-schulpolitische Reflexionen. Dies geschieht in Form von Lobreden, Gastreferaten und Zeitungsartikeln. Einiges davon wird hier im Folgenden abgedruckt.

Matura-, Fachmaturitäts- und Abschlussfeier FMS 2009
Maturarede von Prof. Dr. Andreas Auer

Matura- und Abschlussfeier FMS 2008
Maturarede von Madeleine Schuppli

Matura- und Abschlussfeier FMS 2007
Maturarede von Ruth Schweikert

Matura- und Diplomfeier 2006
Maturarede von Nik Brändli

Matura- und Diplomfeier 2005
Maturarede von Beat Hächler

Matura- und Diplomfeier 2004
Maturarede von Susy Brüschweiler

Matura-, Fachmaturitäts- und Abschlussfeier FMS 2009

Matura- und Abschlussfeier FMS 2008: Begrüssung des Rektors, Daniel Siegenthaler
Begrüssung an der Matur- und Abschlussfeier FMS vom 27. Juni 2008

Daniel Siegenthaler, Rektor

Begrüssung
Liebe Maturandinnen und Maturanden, liebe Diplomandinnen und Diplomanden, liebe Eltern, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste

Ich heisse Sie herzlich willkommen zur Abschlussfeier der Neuen Kantonsschule Aarau.
Speziell begrüsse ich Frau Madeleine Schuppli, deren Ansprache im Mittelpunkt unserer Feier steht. Frau Schuppli hat in Genf, Hamburg und Zürich Kunstgeschichte studiert, war von 1996 bis 2000 Kuratorin an der Kunsthalle Basel, von 2000 bis 2007 Direktorin des Kunstmuseums Thun und ist seit November 2007 Direktorin des Aargauer Kunsthauses.
Es freut mich, dass Herr Nik. Brändli, Präsident der Schulkommission, und fast alle Mitglieder der Schulkommission der NKSA, Frau Kathrin Hunziker, Chefin Abteilung Berufsbildung und Mittelschule, und Stephan Campi, Chef Sektion Mittelschule, an unserer Feier teilnehmen.
Leider musste sich Bildungsdirektor Rainer Huber wegen anderweitiger Verpflichtungen entschuldigen.

Liebe Maturandinnen und Maturanden, liebe Diplomandinnen und Diplomanden,

ich wünsche Ihnen auf Ihrem weiteren Lebensweg von Herzen alles Gute und viel Glück. Gutes wünschen – ja sicher. Was meine ich damit?

Wünsche wollen schützen – Gutes herbeizaubern, von einer transzendentalen Macht Wirkung erbitten, das Unmögliche möglich machen.

Aber Wünsche sind oft auch eine Flucht vor dem Realen – wir sprechen dann von Wunschträumen. Und in der negativen Form wird Wünschen zum Verwünschen, als Schadenzauber, in der Magie.

Gute Wünsche zu einem Ereignis wie einem Geburtstag, einem freudigen Ereignis, einem Abschluss einer Ausbildung oder eines Lebensabschnitts sind ein freundlicher Akt, der Positives auf eine Person lenken soll. Sie nutzen die Besonderheit der Situation, die offen, unklar oder auch ungewiss ist, um die Mächte zu beschwören, gnädig oder hilfreich zu sein. Bis in Alltäglichkeiten verfolgt uns dieses Muster: 'Guten Appetit', 'Zum Wohl' , 'Schlaf gut' und ähnliches stehen dafür.

Was ist aber der adäquate Wunsch für Personen vor einem neuen Lebensabschnitt, beim 'Heraustreten ins Leben' – im Moment der  (Fach-(Hochschul-)Reife? Genügen da Wünsche?

Viel besser scheint mir hier eine Aufforderung, wie sie der römische Dichter Horaz als ersten Schritt auf dem Weg zu sich selber gebraucht hat – sapere aude! (incipe!) Entschliess dich zur Weisheit! Wage den Anfang! Und er fährt fort: Wer ein neues Leben antreten will und den ersten Tag – vertagt, der tut wie jener Bauer: er steht und wartet, bis der Strom abläuft; der aber fliesst und flutet und wird in Ewigkeit fluten.

Kant hat 1783 daraus den Wahlspruch der Aufklärung gewonnen. Es lohnt sich, diesen Text wieder einmal zu hören (Zitat):

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschliessung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ (Zitat Ende)

Warum ist es so, dass viele Menschen, nachdem sie dem Kindesalter längst entwachsen sind, dennoch gerne unmündig bleiben? Dass es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuspielen? Es ist bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, und so weiter, so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das unangenehme Geschäft der Verantwortung schon für mich übernehmen.

Und so könnte es die eine letzte Aufforderung der Schule an Sie, liebe Maturandinnen und Maturanden, liebe Diplomandinnen und Diplomanden sein: Habe Mut, Dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Deshalb: nicht nur gute Wünsche, sondern einen philosophischen Imperativ möchte ich Ihnen mitgeben auf Ihren weiteren Weg.

Ich freue mich, dass Sie Ihr Maturzeugnis oder Ihr Abschlusszeugnis FMS bald in Händen halten werden. Es wird Ihnen manchen Weg bereiten, manche Chance bieten und manche Tür öffnen. Den Weg gehen, die Chance packen, abwägen zwischen Bewahren und Erneuern, die Entscheidungen treffen, müssen Sie selber. Ich wünsche Ihnen in den Situationen, in denen es darauf ankommt, die Klugheit und den Mut richtig zu entscheiden und zu handeln.


Ansprache Madeleine Schuppli 27.  Juni 2008

Liebe Gäste der Matura- und Diplomfeier der Neuen Kantonsschule Aarau, liebe Eltern, Lehrerinnen und Lehrer

Ich möchte ganz speziell die Hauptpersonen des heutigen Anlasses begrüssen: die Maturandinnen und Maturanden, die Diplomandinnen und Diplomanden.
Ich weiss nicht, was dieser Tag für Sie bedeutet. Vielleicht ist es ein ganz besonderer Moment, den Sie voller Genugtuung geniessen und mit berechtigtem Stolz auskosten. Vielleicht sind Sie aber mit den Gedanken schon woanders und möchten das Ganze möglichst schnell hinter sich bringen. Möglich, dass Sie mit förmlichen Anlässen nicht viel anfangen können. Ich selbst habe wahrscheinlich zu dieser Kategorie gehört, als ich wie Sie auf mein Maturzeugnis gewartet habe. Mich beschäftigte damals anderes: Ich hatte Fernweh und freute mich darauf, die Strukturen des Schulalltags hinter mir zu lassen. Ich wollte mich nicht mehr mit Lehrplan-Themen beschäftigen, sondern mit meinem Thema: mit der Kunst.
So ging ich kurz nach der Matura für ein Jahr nach London und begann meine Ausbildung in Kunstgeschichte. Das Leben war schön und die Maturafeier lag rasch weit hinter mir.

Wie auch immer Ihre aktuelle Befindlichkeit sein mag: Vielleicht haben Sie kurz Gehör für eine Geschichte – selbstverständlich mit angehängter Moral! Es ist die Geschichte von Brian Haw und von Mark Wallinger, zwei Engländern, der eine Schreiner und Vater von sieben Kindern, der andere Künstler.

Vor genau sieben Jahren verliess der Schreiner Brian Haw Frau, Familie und Job und zog von der englischen Provinz nach London. Auf einem grossen Rasen mitten in der Stadt, genau gegenüber vom Sitz der Regierung, dem Haus of Parliament, schlug er sein Zelt auf. Was es damit auf sich hatte, wurde bald sichtbar, als Brian Haw begann, Fahnen und Tafeln aufzustellen, mit denen er gegen die britische Aussenpolitik protestierte: gegen den Krieg in Afghanistan und die Sanktionen gegen den Irak. Der heute 60jährige Brian Haw wurde zum Fulltime-Friedensaktivisten und verschrieb sich zu 100% seiner Überzeugung. Dafür zahlte er einen Preis: Er verzichtete auf ein warmes Bett und auf ein geregeltes Leben, denn er verliess seinen Openair-Standort nur noch in Ausnahmefällen. Tag und Nacht blieb er gegenüber vom Parlament auf seinem Posten; Passanten brachten ihm Essen vorbei. Unterdessen hatte der Irakkrieg begonnen und England nahm an der Seite der USA eine führende Rolle ein. Man sandte Tausende Soldaten in den Krieg gegen Saddam Hussein und gegen den Terrorismus. Für den Pazifisten Brian Haw wurde sein symbolischer Kampf dadurch noch wichtiger. Die täglichen Nachrichten über gefallene Soldaten und über noch mehr zivile Opfer des Irakkriegs bekräftigten ihn in seiner Mission. Unterdessen hatte Haw seine Argumente gegen den Krieg mit Friedensfahnen, zahlreichen Schildern und Postern und mit schonungslosen Fotos von Kriegsopfern illustriert.

Irgendwann war diese Protestwand auf über 40 Meter gewachsen und den Politikern, damals noch unter der Führung von Tony Blair, wurde es langsam zuviel, denn sie mussten jeden Tag auf dem Weg ins Parlament daran vorbeigehen. Der ungebetene Gast sollte verschwinden; man leitete rechtliche Schritte ein. Zuerst versuchte man ihm zu unterstellen, er würde die Fussgänger behindern. Aber die Demonstrationstafeln ragten keinen Zentimeter aufs Trottoir. Die Klage wurde fallen gelassen und verschiedene andere Massnahmen wurden gegen Brian Haw ausprobiert, bis schliesslich ein neues Gesetz erlassen wurde, dass besagt, dass im Umkreis von einem Kilometer um das Parlamentsgebäude keine politischen Demonstrationen mehr erlaubt sind. In einer Nacht- und Nebelaktion rückten 78 Polizisten an, räumten die „Anklagemauer“ mit Transparenten, Fahnen, Fotos und Plakaten ab und nahmen bis auf Brian Haws Schlafstätte und einige wenige Schilder alles mit.

Nun kommt der Künstler Mark Wallinger ins Spiel. Er lebt in London, ist Ende Vierzig und das, was man einen erfolgreichen Künstler nennt. Da er sich selber stark für politische und gesellschaftliche Fragen interessiert, hatte er aus der Ferne die Aktion von Brian Haw mitverfolgt und wusste, dass durch das neue Gesetz das Abräumen des Protestzaunes durch die Polizei kurz bevorstand. Mark Wallinger hatte gerade eine Einladung für eine Ausstellung in der Tate Britain erhalten, dem renommiertesten Museum des Landes. Er entschloss sich, das Werk von Brian Haw zu erhalten, beziehungsweise eine Kopie davon anzufertigen. Kurz bevor der Protestzaun von der Polizei unsanft abgebaut und abtransportiert wurde, fotografierte der Künstler die 40 Meter lange Wand Stück für Stück, um nachher, zusammen mit einem ganzen Team von Assistenten, die Protestwand mit all ihren rund 600 Einzelteilen nachzubauen. Während das Original auf der Müllhalde landete, schuf Wallinger in mühsamer Kleinarbeit eine exakte Kopie davon an und stellte diese dann im Rahmen seiner Ausstellung in der Tate Britain aus.

Brian Haw ist heute immer noch vor Ort. Sieben Jahre lebt er nun schon bei Wind und Wetter draussen. Seine Mission ist noch nicht beendet, denn der Krieg im Irak dauert an, noch immer sind die englischen Truppen dort stationiert. Brian Haw ist unterdessen zu einer nationalen Berühmtheit geworden, es gibt Filme über ihn, unzählige Interneteinträge und Medienberichte. Der Fernsehsender Channel 4 hat ihn sogar zur „beeindruckendsten politischen Figur“ des Jahres 2007 gewählt.

Mark Wallinger erklärte die Kopie von Brian Haws Protestwand zum Kunstwerk und stellte diese im Museum aus. Seine Ausstellung war ein Publikumserfolg und löste grosse Diskussionen aus. Etwas, das im öffentlichen Raum verboten wurde, war im geschützten Raum des Museums plötzlich erlaubt und wurde sogar in höchsten Tönen gelobt.

Mark Wallinger wurde dank diesem Werk, welches er „State Britain“ nannte, mit dem wichtigsten englischen Kunstpreis, dem Turner Preis, ausgezeichnet. All dies geschah übrigens in freundschaftlicher Abstimmung mit Brian Haw, der für die Preisverleihung an Mark Wallinger sogar ausnahmsweise sein Camp verliess.

Man kann sich verschiedene Gedanken machen zu dieser eindrücklichen Geschichte. Lassen Sie mich drei Überlegungen ausführen.

1_England ist, gleich wie die Schweiz, stolz darauf, eine der ältesten Demokratien zu sein, die die Rechte ihre Bürgerinnen und Bürger schützt. Dazu gehört die Meinungs- und Redefreiheit. Man darf alles öffentlich sagen, solange es andere in ihrer Würde nicht verletzt. Offenbar ging aber den Parlamentariern die Redefreiheit von Brian Haw zu weit, obschon er nichts anderes machte, als Tatsachen zu dokumentieren. Dass daraufhin ein Gesetz erlassen wurde, dass diese grundlegende Freiheit einschränkt, ist sehr bedenklich. Wir können nur darüber spekulieren, was die Reaktion der eidgenössischen Räte wäre, wenn sich ein Politaktivist gegenüber vom Bundeshaus einrichten würde.

2_Mark Wallinger hat eine Kopie von Brian Haws Protestwand angefertigt. Er hat also ein Stück Realität kopiert und ins Museum gestellt. Er tat dies, weil er die Diskussion, die in der Öffentlichkeit nicht mehr möglich war, im geschützten Rahmen des Museums weiterführen wollte. Ich bin froh, dass ein Museum, dass die Kunst uns diese Möglichkeiten bietet! Es beweist, dass wir Museen brauchen, dass wir zeitgenössische Künstler brauchen, die sich mit unserer gesellschaftlichen Realität beschäftigen. Und diese Realität ist manchmal schön, manchmal auch nicht.

3_Ich werde oft gefragt: Was ist gute Kunst? Das ist eine schwierige Frage. Wir wissen alle, dass es schöne Kunst, dekorative Kunst, angenehme Kunst, komplizierte oder hässliche Kunst gibt. Das ist gut und wichtig so. Aber gute Kunst? Ich denke, gute Kunst ist in erster Linie da, um wichtige Fragen zu stellen. Genau das hat Mark Wallinger gemacht, indem er ein Stück Realität kopiert hat, das von den Behörden entfernt wurde. Brian Haw wurde die Möglichkeit genommen, Fragen zu stellen. Mark Wallinger hat ihm und uns diese Möglichkeit wieder zurückgegeben. Dank seinem brillanten Einfall, mit der Protestwand den Schauplatz zu wechseln und ins Museum zu gehen, hat er viele neue Leute erreicht – Leute, die gerne ins Museum gehen und sich die Mühe nehmen, Fragen zu stellen und bereit sind, sich durch Mark Wallingers „State Britain“ mit einem schwierigen Kapitel Gegenwartsgeschichte auseinander zu setzen.

Auch Tony Blair blieb übrigens ein Wiedersehen mit dem ungeliebten Antikriegsmonument nicht erspart. Als er zu einer Vernissage in die Tate Britain geladen war, begleitete der Museumsdirektor den Premier vom Eingang zur Ausstellung und legte den Weg so, dass sie an „State Britain“ vorbei gehen mussten.

Übrigens: Die Sache hat selbstverständlich auch einen Bezug zu Aarau, denn ab dem 30. August zeigen wir im Kunsthaus eine grosse Ausstellung mit Mark Wallinger. „State Britain“ und damit auch indirekt Brian Haws Vermächtnis wird darin ein Hauptwerk sein. Die Diskussion um das Wesen der Kunst, um freie Meinungsäusserung und um den Sinn von politischer Kunst wird mit „State Britain“ hier in die Region getragen. Ich freue mich sehr darauf und hoffe, dass Sie sich alle an diesem Dialog beteiligen werden.

Ich bin in meiner Rede von meinem Thema ausgegangen, mit dem ich mich nun schon seit Jahren intensiv beschäftige: mit zeitgenössischer Kunst. Ich weiss, dass für viele von Ihnen Kunst keine bestimmende Rolle im Leben spielen wird. Sie gehen nun in die verschiedensten Richtungen, werden sich allen möglichen Dingen zuwenden. Aber was auch immer Sie tun werden: Mir scheint, dass die Geschichte von Brian Haw und Mark Wallinger zeigt, dass es sich in jedem Fall lohnt, couragiert seine Meinung zu äussern, genau hinzuschauen und die wichtigen Fragen zu stellen. Die Auseinandersetzung mit Kunst kann Sie dazu anregen.                            

Vielen Dank.


Matura- und Abschlussfeier FMS 2007: Begrüssung des Rektors, Daniel Siegenthaler
Begrüssung an der Matur- und Abschlussfeier FMS vom 29. Juni 2007

Daniel Siegenthaler, Rektor

Liebe Maturandinnen und Maturanden, liebe Diplomandinnen und Diplomanden, liebe Eltern, liebe Lehrerinnen und Lehrer, liebe Gäste

Ich heisse Sie herzlich willkommen zur Abschlussfeier der Neuen Kantonsschule Aarau.
Speziell begrüsse ich Frau Ruth Schweikert, deren Ansprache im Mittelpunkt unserer Feier steht. Frau Schweikert hat in den letzten Jahren mehrere literarische Bücher und Artikel publiziert.
Es freut mich, dass Frau Kathrin Hunziker, Chefin Abteilung Berufsbildung und Mittelschule, an unserer Feier teilnimmt.
Leider musste sich Bildungsdirektor Rainer Huber wegen anderweitiger Verpflichtungen entschuldigen.

Die Schule ist in letzter Zeit wieder häufiger in der öffentlichen Diskussion als auch schon; sie zeigt gleichsam durch das Vergrösserungsglas Entwicklungen unserer Gesellschaft, zum Beispiel:

  • den Wertepluralismus,
  • die vielfältigen Möglichkeiten der individuellen Lebensgestaltung
  • die zunehmende Beschleunigung in allen Lebensbereichen
  • die Übergabe von Problemen an Spezialisten.

Mit all diesen Wandlungen hat Schule umzugehen.

Häufig werden – unter anderen - zwei Rezepte dazu genannt: Erstens sollte man der permanenten „Baustelle Schule“ einen Umbaustopp verpassen, „Ruhe“ einkehren lassen; zweitens sollten im Schulalltag vermehrt Spezialisten einbezogen werden, Mediatoren, Berater oder andere Fachpersonen. Beides mit dem Ziel, dass sich die Lehrerinnen und Lehrer (wieder) vermehrt um das „Kerngeschäft“ Unterricht kümmern können.

Beide Rezepte haben etwas für sich, können aber nur zum Teil Abhilfe schaffen.
Der gezielte Beizug von Spezialisten kann uns in unserer Arbeit unterstützen. Die Auslagerung von Teilproblemen an Spezialisten nimmt dem Lehrberuf jedoch einen Aspekt seiner Ganzheitlichkeit, lässt ihn an Einfluss verlieren und macht ihn schliesslich zum Unterrichtstechnokraten mit beschränkter Haftung.

Der Ruf nach einem „Zwischenhalt“ hat in gewissem Mass seine Berechtigung, gerade weil die Schule zur Aufgabe hat, überliefertes Wissen, Erfahrungen und Können weiterzugeben. Gleichzeitig muss sie aber auch auf die neuen Herausforderungen vorbereiten.

Ich bin überzeugt, dass wir, dass die Lehrerinnen und Lehrer an unserer Schule offen sind für die notwendigen Neuerungen und gleichzeitig genügend verwurzelt, um die für die Zukunft entscheidenden Traditionen zu pflegen.

Wir wollen an unseren Leitgedanken wie der Leistungsorientierung, der Zusammenarbeit und dem respektvollen Umgang miteinander festhalten. Gleichzeitig entwickeln wir neue zukunftsgerichtete Angebote wie zum Beispiel den Lehrgang für Informatik und Kommunikation. Die Rückmeldungen von Ihnen, den Schülerinnen und Schülern der Abschlussklassen, bilden für uns eine wichtige Grundlage für die Entscheidungen, welchen Weg wir gehen wollen.

Liebe Maturandinnen und Maturanden, liebe Diplomandinnen und Diplomanden,

ich freue mich, dass Sie Ihr Maturzeugnis oder Ihr Abschlusszeugnis bald in Händen halten werden. Es wird Ihnen manchen Weg bereiten, manche Chance bieten und manche Tür öffnen. Den Weg gehen, die Chance packen, abwägen zwischen Bewahren und Erneuern, die Entscheidungen treffen, müssen Sie selber.
Geniessen Sie diese Augenblicke heute, diese Feier, in der Sie im Zentrum stehen (beziehungsweise sitzen). Sie haben in den letzten Jahren unsere Schule mitgestaltet, und auch heute durften oder dürfen wir Sie nochmals hören, im Chor, im Orchester und im Jazzorchester.

Jemand kann nicht mehr unter uns sein, den wir gerne bei uns hätten. Manuela Bürgi, ehemalige Schülerin der Abteilung 3cF, ist vor zwei Monaten gestorben. In Gedanken ist sie trotzdem gerade heute bei uns.

Viele von Ihnen haben in unserer Schule deutliche Spuren hinterlassen. Stellvertretend für alle nenne ich
die Schülerinnen und Schüler der (ehemaligen) 4D mit dem von ihnen durchgeführten Podiumsgespräch mit Arnold Hottinger,
Lilian Ackle und Rahel Schmid als originelle Rednerinnen am Maienzug vor einem Jahr,
Nadja Olloz und Antje Petersen als Kandidatinnen für den Nationalrat,
Sara Schnyder als engagierte Teilnehmerin des Abschlusspodiums der Themenwoche 2007,
Priscilla Schatzmann mit ihrem Liedvortrag im Rahmen des Kantikonzerts „America“ im Kultur- und Kongresszentrum,
Und bei Pierre Jungo möchte ich mich an dieser Stelle nochmals für den Rempler am Sporttag entschuldigen. Trotzdem haben die Schüler ja den Final gewonnen.

Es gibt etwas, das ich Ihnen auf den Weg mitgeben möchte. Vertrauen Sie Ihrem Gespür für das richtige Tun! Setzen Sie sich ein für Bedingungen, die das Gute im Menschen unterstützen und fördern! Ich wünsche Ihnen die Klugheit und den Mut, in den Situationen, in denen es darauf ankommt, richtig zu entscheiden und zu handeln.
Ansprache Ruth Schweikert 29.  Juni 2007 (es gilt das gesprochene Wort)
Lieber Daniel Siegenthaler, liebe Lehrkräfte, liebe Eltern, liebe Gäste, vor allem aber: liebe frisch Diplomierte, liebe Maturae und Maturi,

Was haben wir nicht schon alles überlebt, seitdem Sie, die erfolgreichen Absolventinnen und Absolventen der NKSA, zwischen Mitte und Ende der Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts geboren wurden: den Fall der Berliner Mauer, die Agonie des kalten Kriegs und sein vorläufiges Ende, das Ende der DDR, die Fichenaffäre, den zweiten Golfkrieg, den Zerfall der Sowjetunion und Jugoslawiens, den Bosnienkrieg, die beiden Tschetschenienkriege, diverse Hungersnöte in verschiedenen Afrikanischen Ländern, Millionen von Aidstoten, den elften September, das Grounding der Swissair, die Attentate in Zug, den Hitzesommer 2003, den Irakkrieg, den Tsunami, die Finalniederlage von Roger Federer in Paris, die sintflutartigen Regenfälle der letzten Woche, den gestrigen Tag. Ich gebe zu, die Liste ist unvollständig und willkürlich, auch mag es Ihnen seltsam vorkommen, dass ich vom Überleben spreche, haben wir doch das meiste davon nicht am eigenen Leib erfahren, sondern – ich möchte mir gerne das „nur“ verkneifen, aber wie Sie hören, komme ich doch nicht umhin - im Fernsehen gesehen oder in der Zeitung gelesen; mit anderen Worten: wir wissen, dass all das und noch viel mehr stattgefunden hat oder stattfindet, einzelnes mag uns bewegt, betroffen, erzürnt, zu Debatten animiert haben, aber nichts davon hat bis zu diese Stunde auch nur einen der hier Anwesenden vernichtet. Zum Glück; manche von Ihnen würden vielleicht sagen: Gott sei Dank. Unser Verdienst jedenfalls ist es nicht oder kaum, und das führt mich zu einer simplen Frage, die mich nicht loslässt, seitdem ich mich mit dieser Ansprache beschäftige, und ich stelle sie ebenso Ihnen wie auch mir selbst: In welchem Verhältnis stehen Sie zur Welt? Die Welt, verstanden als „Alles, was der Fall ist.“
Als Sie vor ungefähr zwanzig Jahren geboren wurden, war die Sache klar: vollkommen abhängig von der liebevollen Fürsorge zumindest einer erwachsenen Person, nahmen Sie die Welt ausschliesslich mit Ihren Sinnen wahr: sehen, hören, tasten, riechen, schmecken. Sie und die Welt waren eins; wo die Reichweite Ihrer Sinnesorgane aufhörte, war die Welt zu Ende. Ausserdem gilt: Ein Säugling hat nicht die Wahl, seine Empfindungen für unzulässig zu halten und sie folglich zu negieren. Bevor ein Kind die Welt in gut und böse einteilt, teilt es, was ihm begegnet, ein in „gut für mich und schlecht für mich“. Die ersten Erfahrungen also sind nicht ethischer, sondern ästhetischer Natur, und sie sind äusserst privat. Man könnte auch sagen: ein Säugling hat ist seinem Verhältnis zur Welt keine Freiheit.
In der Zwischenzeit haben Sie nicht nur gelernt, ich und du, wir Schweizer, ihr Machos und sie dort in Afghanistan oder jene in Somalia zu sagen; Sie wissen Bescheid über Dinge, die sich Ihrer Erfahrung vollständig entziehen, von der Photosynthese (um ein einfaches Beispiel zu nennen) bis zu den Lebensdaten Max Frischs, von der Kappeler Milchsuppe bis zur Entstehung von Wirbelstürmen. Sie haben sich aber auch Fertigkeiten antrainiert wie das Spielen eines Instruments oder den Fallrückzieher, Sie kochen gerne, Sie tanzen Tango.
Ich habe vorhin vom Zufall gesprochen. Vom Zufall unseres bisherigen Überlebens, vom scheinbar zufälligen Auftauchen gewisser Fragen und Wörter. Der Zufall, hier zu Ihnen sprechen zu dürfen, hat für mich Bedeutung, nicht eine verborgene Bedeutung, die es ans Licht zu holen gälte, sondern einzig jene, die ich ihm gebe, indem ich auch von jenen Zufällen spreche, die keine entzifferbare, sinnhafte Bedeutung haben. Den Zufall, schreibt etwa Ingeborg Bachmann sinngemäss, kann man als Figur des Gedächtnisses begreifen; etwas, das bislang verborgen lag, wird plötzlich sichtbar. Dass ich hier vor Ihnen stehe und mir und Ihnen diese Fragen stelle, ist ein Zufall, wie Bachmann ihn versteht. Zunächst ganz simpel: Ich bin in Aarau aufgewachsen und habe die Alte Kantonsschule besucht. Wie so viele meiner damaligen Mitschülerinnen und Mitschüler auch, habe ich nach der Matur das Weite gesucht – und bin in Zürich steckengeblieben. Zur Zeit unterrichte ich am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und fahre somit jede Woche einmal an Aarau vorbei; manchmal hält der Schnellzug, manchmal nicht, und manchmal steige ich gar aus, um jemanden zu besuchen, meine Eltern zum Beispiel oder meine Schwiegermutter.
Nein, Aarau ist für mich keine „Stadt ohne Gewähr“ mehr, wie es Wien für Ingeborg Bachmann war. Auch nicht das Dürrenmattsche Güllen sehe ich vor mir, wohin die reich gewordene Claire Zachanassian zurückkehrt, um diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die ihr vor vielen Jahren Schlimmes angetan haben. Trotzdem: Wer in die Stadt seiner Kindheit und Jugend zurückkehrt, und sei es nur für eine kurze Ansprache, kommt nicht umhin, (sich selber) Rechenschaft abzulegen über die Gründe und Beweggründe. So zumindest empfinde ich es. Das mag pathetisch klingen; ich habe den Satz denn auch zu streichen versucht; der Text rächte sich, indem er tagelang an ein und derselben Stelle verharrte. Und ich sass an meinem Schreibtisch in der Roten Fabrik in Zürich, unlustig, begriffsstutzig und wartete darauf, dass etwas geschah.
Freitag, der 11. Mai 2007, zehn Uhr fünfzehn, notierte ich, Maturarede am 29. Juni in Aarau. Ich sah aus dem Fenster, es windete stark. Die dünnen, dicht belaubten Äste einer Trauerweide beugen sich dem Wind, schrieb ich, der sie nachhaltig beutelt, sie in alle Richtungen schlägt, keinem Rhythmus verpflichtet, keinem Ziel, das sich mir zeigte, unvorhersehbar und unwiederholbar, und ich überlegte, ob und wie die einwirkenden Kräfte und die daraus resultierenden Bewegungen zu messen und zu dokumentieren wären. Auch mit mehreren Filmkameras, beschliesse ich, sind die Bewegungen nicht vollumfänglich erfassbar, ganz zu schweigen von den unlösbaren Schwierigkeiten, wollte man auch nur zwanzig Sekunden dessen, was sich vor meinen Augen abspielt, rekonstruieren, in einem Physiklabor zum Beispiel. Die Blätter der Weide – womöglich ist es keine Trauer- sondern eine spitzblättrige Weide - sind lanzettförmig, hellgrün; lindgrün, denke ich, die Baumrinde schrundig, als hätte die Weide im Meer gestanden, von Salzwasser umspült. Reichte das Jurameer einst bis nach Zürich? Die Fragen sind natürlich absurd, der Baum kaum älter als dreissig, vierzig Jahre, vielleicht 42, so alt wie ich, das wäre allerdings ein Zufall, unüberprüfbar solange der Baum lebt. Der Wind zerrt an den äussersten dünnsten Ästchen, einzelne brechen gar ab.
Taugt der Baum zum Bild? Taugt das Bild dazu, die Frage zu verdeutlichen, die ich Ihnen und mir stelle? Ich weiss es nicht. In der Zwischenzeit hat ein etwa zweijähriges Mädchen die Enten und Schwäne gefüttert und der Abwart schiebt seinen Karren, müllbeladen, quer über den Platz. Auch das ist „der Fall“.
Die Frage aber bleibt: In welchem Verhältnis stehen Sie zur Welt? Und im Anschluss daran: Welche Freiheit empfinden Sie darin? Wenn Sie diese Fragen nicht gleich zu beantworten vermögen -, umso besser. Denn es gibt kein Multiple-Choice-Formular, auf dem Sie irgendetwas ankreuzen könnten und dann wäre es richtig oder falsch und Sie hätten bestanden oder nicht. Sie haben die Matur oder den Fachmittelschulabschluss bestanden, Ihre Schulzeit ist zuende, Sie können und müssen es sich leisten, begriffsstutzig zu sein. Manchmal zumindest. Auch dies ein Wort, begriffsstutzig, das sich mir aufdrängt, zufällig, hartnäckig, wiederholt, als möchte es eine kleine Weile unter uns bleiben. Damit meine ich allerdings mitnichten, dass wir das Gefühl der Ohnmacht kultivieren sollten, dass jede Einzelne, jeder Einzelne zuweilen empfinden mag angesichts dieser Welt und insbesondere dem, was wir Menschen mit ihr anstellen. Natürlich fällt mir dann sogleich die berühmte Maxime aus Adornos „Minima Moralia“ ein; ich zitiere sie aus dem Gedächtnis: „Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der eigenen Ohnmacht noch von der Macht der anderen sich dumm machen zu lassen.“ Begriffsstutzig ist für mich kein Synonym von dumm. Wer alles sofort versteht, wer alles weiss, kann kein Verhältnis zur Welt entwickeln – und auch keines zu sich selbst. Nicht was man wissen kann – das Wissen liegt da, überall, es ist rund um die Uhr verfügbar, wir müssen es nur abrufen, sechs Millionen Ermordete da, hunderttausend Erdbebenopfer dort -, sondern was man wissen will, ist das Entscheidende.

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.


Matura- und Diplomfeier 2006: Begrüssung des Rektors, Daniel Siegenthaler
Begrüssung an der Matur- und Diplomfeier vom Juni 2006

Daniel Siegenthaler, Rektor

Liebe Maturandinnen und Maturanden, liebe Diplomandinnen und Diplomanden, liebe Eltern, liebe Lehrerinnen und Lehrer, liebe Gäste

Ich heisse Sie herzlich willkommen zur Matur- und Diplomfeier der Neuen Kantonsschule Aarau.
Speziell begrüsse ich Herrn Nik. Brändli, dessen Ansprache im Mittelpunkt unserer Feier steht. Herr Brändli ist seit einem Jahr Präsident der Schulkommission der Neuen Kantonsschule Aarau.
Leider musste sich Bildungsdirektor Rainer Huber wegen anderweitiger Verpflichtungen entschuldigen.

Viktor Röthlin, Marathonläufer von Weltklasseformat, wurde letzthin gefragt, welche Ausbildung er nachholen würde, wenn er könnte. Seine Antwort: "Die Matur". Sie werden bald selber das Matur- oder das Diplomzeugnis in Händen halten, und viele Wege werden Ihnen offen stehen. Was aber bleibt von all dem, was Sie in den letzten drei oder vier Jahren gelernt haben? Was soll Sie auf Ihrem Weg weiter begleiten?

Hartmut von Hentig, der grosse deutsche Pädagoge, schrieb 1996:
"Die Antwort auf unsere behauptete oder tatsächliche Orientierungslosigkeit ist Bildung – nicht Wissenschaft, nicht Information, nicht die Kommunikations­gesellschaft, nicht moralische Aufrüstung, nicht der Ordnungsstaat, nicht ein Mehr an Selbsterfahrung und Gruppendynamik, nicht die angestrengte Suche nach Identität".

In seinem Essay nennt der Autor als Massstäbe für Bildung 6 Komponenten, die eine lebenslange Gültigkeit beanspruchen dürfen. Ich zähle sie zuerst auf und kommentiere anschliessend kurz:

  1. Abscheu und Abwehr von Unmenschlichkeit
  2. Die Wahrnehmung von Glück
  3. Die Fähigkeit und der Wille, sich zu verständigen
  4. Ein Bewusstsein von der Geschichtlichkeit der eigenen Existenz
  5. Wachheit für letzte Fragen (philosophische Fragen)
  6. Die Bereitschaft zu Selbstverantwortung und Verantwortung in der res publica
  • Abscheu und Abwehr von Unmenschlichkeit muss angesichts vieler Kriegsvorkommnisse der letzten Zeit nicht näher begründet werden. Man beachte aber, dass die Formulierung nicht nur eine emotionale Haltung, sondern auch eine Handlungsanweisung enthält: Abwehr von Unmenschlichkeit. Bildung ist eben auch Verpflichtung zum richtigen Handeln.
  • Die Wahrnehmung von Glück
    Was Glück ist, wird nicht definiert. Es kann in der Musse liegen, die ich mir gönne, im Erleben einer Beziehung, in vielen anderen Momenten des Alltags. Wichtig ist die Fähigkeit der Wahrnehmung von Glück – wir müssen es merken.
  • Die Fähigkeit und der Wille, sich zu verständigen:
    Auch hier erscheint  wieder der doppelte Anspruch: kommunikative Kompetenz einerseits, aber auch der Wille, in Kommunikation zu treten. Zu ersterem gehören genaues Zu- oder Hinhören, Verstehen wollen, Fragen und Antworten können – alles Elemente, die unsere Schule ausbildet und fördert.
  • Ein Bewusstsein von der Geschichtlichkeit der eigenen Existenz
    Es gehört zur ganz besonderen Gabe des Menschen, sich zu erinnern. Wenn wir solches Erinnern gedanklich verarbeiten, entsteht geschichtliches Bewusstsein; es ist die notwendige Voraussetzung für zukunftsgerichtetes Handeln. Das Bewusstsein von der Geschichtlichkeit der eigenen Existenz macht uns aber vielleicht auch ein wenig gelassener für die Gegenwart.
  • Wachheit für letzte Fragen
    Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Und auch nicht nur vom Geld. Er sucht nach Lebenssinn, will wissen, woher wir kommen (vielleicht auch: wohin wir gehen). Er lässt sich bewegen von religiösen und philosophischen Fragen.
  • Die Bereitschaft zu Selbstverantwortung und Verantwortung in der res publica
    Auch hier wieder beide Seiten: Verantwortung für sich selber – zum Beispiel für die eigene Gesundheit - ist die Voraussetzung, auch Verantwortung in der Aussenwelt wahrzunehmen: In der Gemeinschaft, gegenüber der Natur, den Ressourcen und den Mitmenschen.
     

Einige von Ihnen haben durch Ihr Handeln einzelne Komponenten verkörpert. Ich nenne einige Beispiele:

Pascal Aprili, als schwungvoller und emotionaler Pianist Momente des Glücks;
Diana Oswald, die die NKSA mit gut geschriebenen Artikeln in der Presse vertrat und immer wieder den Finger auf wunde Punkte legte.
Peter Gysel, der mit vielen anderen das Sonafe managte (und rigorose Eingangskontrollen durchführte);
Stephanie Bernet, Patricia Mathis und Nicole Zuber, die eine von Jungen gut besuchte Podiumsveranstaltung zu einem aktuellen politischen Thema organisierten;
Nadja Leuenberger und Remo Huggler, die an diesem Podium wie gewiefte Polithasen auftraten;
Fabian Gamper als blutleerer, menschenfressender Geist;
Esther Neukomm und Martina Niggli, die für den Einwohnerrat kandidierten, für verschiedene Parteien, für die gleiche res publica.
Emanuel Dössegger mit Stephan Wespi, mit den unvergleichlichen witzigen Auftritten, so zum Beispiel an der letzten Uselüti.
Und viele andere; einige werden ab morgen Samstag bis Mittwoch beim Circus Valentin die Abschiedsvorstellung geben.

Sie alle werden uns fehlen – zumindest in den ersten Wochen. Und ich werde mich jederzeit freuen, Sie später einmal wieder zu sehen.
Es gibt etwas, das ich Ihnen gerne auf den Weg mitgeben möchte. Vertrauen Sie Ihrem Gespür für das richtige Tun! Setzen Sie sich ein für Bedingungen, die das Gute im Menschen unterstützen und fördern! Ich wünsche Ihnen die Klugheit und den Mut, in den Situationen, in denen es darauf ankommt, richtig zu entscheiden und zu handel.


Matura- und Diplomfeier 2005: Begrüssung des Rektors, Daniel Siegenthaler
Begrüssung an der Matur- und Diplomfeier vom 24. Juni 2005

Daniel Siegenthaler, Rektor

Liebe Maturierte,
liebe Diplomierte,
liebe Eltern, Bekannte und Verwandte

 

Ich heisse Sie alle herzlich willkommen zur Matur- und Diplomfeier der Neuen Kantonsschule Aarau.

Speziell begrüssen möchte ich Herrn Beat Hächler, dessen Ansprache im Mittelpunkt unserer Feier steht. Beat Hächler studierte Geschichte, Medienwissenschaften und Literaturgeschichte in Bern und Madrid und arbeitet heute als Co-Leiter des Stapferhauses in Lenzburg. Als Autor von Ausstellungen wie ,Anne Frank und wir', ,a walk on the wild side', ,Last minute', ,Autolust' und "Strafen" versteht er es, relevante Themen auf eine originelle und berührende Art und Weise zugänglich zu machen.

Leider musste sich Landammann Rainer Huber wegen anderweitiger Verpflichtungen entschuldigen.

Die erste Matur- und Diplomfeier als Rektor vor einem Jahr war für mich ein Höhepunkt des vergangenen Schuljahres -- und heute freue ich mich wieder: Sie, liebe Maturandinnen und Maturanden, liebe Diplomandinnen und Diplomanden, fliegen aus, aus dem Haus des Lernens, wie das Marion Ingold aus der 2B so treffend auf der Einladung zu dieser Feier dargestellt hat. Ich freue mich, dass Sie ausfliegen zu neuen Entdeckungen zu neuen Taten, zu neuen Begegnungen und auch wieder zu neuem Lernen. In Ihre Freude und Erleichterung, dass der Lebensabschnitt Kantonsschule endlich vorbei ist, mischt sich vielleicht auch eine Spur Ungewissheit, was die weitere Zukunft bringen wird. Solche Verunsicherung kann ihr Gutes haben, kann motivieren, das eigene Geschick in die Hände zu nehmen.

Ich freue mich, dass Sie Ihr Maturzeugnis oder Ihr Diplom bald in Händen halten werden. Es wird Ihnen manchen Weg bereiten, manche Chance bieten und manche Tür öffnen. Den Weg gehen, die Chance packen, die Tür öffnen müssen Sie aber selber.

Sie haben sich auf die hinter Ihnen liegenden Prüfungen mit mehr oder weniger Elan vorbereitet, sie haben den Anforderungen Stand gehalten und haben bestanden. Dabei wurde Ihnen geholfen: Ihre Lehrerinnen und Lehrer haben Sie vorbereitet und mit Prüfungssituationen konfrontiert, in denen Sie zeigen konnten, was Sie können und was Sie geworden sind. Hilfe in dieser Form wird es womöglich in Zukunft nicht mehr geben.

Wir sind stolz auf Sie. Sie haben viel gelernt, und Sie haben viel geleistet. Beides soll an unserer Schule eine grosse Bedeutung haben. Übrigens - nicht nur Sie als ehemalige Schülerinnen und Schüler haben viel gelernt, auch ich erlebte mich in meinem ersten Jahr als Rektor häufig als Lernender. Lernende sind immer wieder auch die Lehrerinnen und Lehrer dieser Schule - denn ohne Entwicklung und ohne Veränderung aller Menschen verliert eine Schule, als Haus des Lernens, ihren Sinn.

In jüngster Zeit wird im Bereich der Schule ein Begriff wieder stärker gewichtet als möglicherweise in den vergangenen Jahren. Man spricht wieder (und daran ist nicht nur PISA schuld) von Leistung, von Leistungsbereitschaft und Leistungswille. Ohne diese Elemente ist Lernen nicht denkbar, ohne sie erreichen wir unsere Ziele nicht, ohne sie wären Sie auf ein Studium oder eine andere Ausbildung im tertiären Bereich nicht optimal vorbereitet. Dass Lernen nicht immer Spass macht, manchmal mühsam und belastend ist, haben Sie gelegentlich selber erlebt. 'Ohne Schweiss kein Preis' sagt ein altes Sprichwort.

In diesem Zusammenhang ist es sicher richtig, dass man in Zukunft die Resultate, die eine Schule erbringt, genauer messen will. Mit der Befragung der Schülerinnen und Schüler der Abschlussklassen haben wir an unserer Schule einen neuen Schritt in diese Richtung bereits unternommen.

Bei aller Wichtigkeit von Leistung und Lernen wollen wir nicht vergessen, dass sie nicht als einzige Begriffe den Geist unserer Schule prägen sollen - das habe ich von unserem heutigen Hauptredner an einer Veranstaltung vor einigen Jahren gelernt.

Wir wollen ja alle einen Unterricht ermöglichen, in dem Lernen nicht nur vorübergehend Spass macht, und an Gegenständen, an denen dies mühelos gelingt, sondern in dem an wichtigen Gegenständen und dauerhaft so etwas wie "Lust an der Sache" entsteht.

Ein drittes L gehört also zu den ersten beiden, ein L, das für Lust steht. Die Lust am Lernen, die Lust an der Leistung, die Freude, ja, die Begeisterung und Inspiration, etwas Besonderes zu schaffen.

Im Spiel kommen diese drei L am besten zusammen, - das wurde mir beim Schreiben des Artikels für die neueste Ausgabe unseres Bulletins bewusst. Der Mensch als Homo ludens, der im manchmal unbeschwerten und manchmal ernsthaften Spiel. die schöpferische Kraft entdeckt und entwickelt.

Einige von Ihnen habe ich in solchen Momenten erleben dürfen, Momente in denen die Zeit still zu stehen schien, und mit ein wenig Wehmut werde ich an diese Momente zurückdenken: Zum Beispiel an Felix Storz und seine Direktabnahme, die zum Sieg am Fussballturnier des Sporttages führte; an Madeleine Klauser und Andreas Ruf mit ihrer wunderbare Interpretation von Bohuslav Martinus Kantate das Maifest, an Noelle Reimann, Patricia Zanetti und Sibylle Quidort und ihre souveräne Präsentation der Maturitätsarbeit über ein brisantes bildungspolitisches Thema im Kanton Aargau, die Verkürzung der Schulzeit von 13 auf 12 Jahre, an Jonas Gloor und seine Rolle als Prinz im Schneewittchen von Robert Walser. Sie alle werden uns fehlen - zumindest in den ersten Wochen.. Und ich werde mich jederzeit freuen, Sie später einmal wieder zu sehen.

Es gibt etwas, das ich Ihnen gerne auf den Weg mitgeben möchte. Vertrauen Sie Ihrem Gespür für das richtige Tun! Setzen Sie sich ein für Bedingungen, die das Gute im Menschen unterstützen und fördern! Ich wünsche Ihnen die Klugheit und den Mut, in den Situationen, in denen es darauf ankommt, richtig zu entscheiden und zu handeln.

Matura- und Diplomfeier 2005: Maturarede von Beat Hächler

Ansprache Matur- und Diplomfeier der Neuen Kantonsschule Aarau

Beat Hächler, 24. 6. 2005 [Es gilt das gesprochene Wort.]

 

Liebe Schülerinnen und Schüler,
liebe Lehrerinnen und Lehrer,
liebe Eltern und Angehörige,

vor allem aber:

liebe Diplomierte und Maturierte

Ich heisse Sie herzlich willkommen im Club der Reifen!

Wahrscheinlich denken Sie jetzt an Wassergymnastik, Antifaltencrème und die dritten Zähne.

Irrtum. Es geht um Sie.

Sie befinden sich ab sofort in einem neuen Reifestadium. Es könnte allerdings sein, dass Sie dies selber so noch gar nicht realisiert haben, dass Ihr Sein Ihr Bewusstsein, so kurz nach Prüfungsende, noch nicht erreicht hat, was mir wiederum gelegen kommt.

Also: um Ihnen die Chancen und Risiken Ihres neuen Zustands der Reife bewusst zu machen, sprich: kognitiv und emotional nahe zu bringen, hole ich gerne etwas aus. Ich werde mich aber kurz fassen.

Das Reifezeugnis, das sie heute erhalten werden, was hat es damit auf sich?

Wenn Sie sich recht erinnern, haben Sie bereits vor einigen Jahren die "Mittlere Reife" hinter sich gebracht. Und wie es die "Mittlere Reife" nahelegt, lässt sich der Reifegrad noch steigern. Als sommerlicher Fleischesser denke ich spontan an die Dreifaltigkeit der Grillsaison: saignant , appoint und bien cu . So gesehen wären Sie bereits bei bien cu angelangt: wie ein Steak bei hoher Hitze durchgebraten, zwar noch saftig, aber eigentlich doch fertig gekocht. Es fehlt nur noch die Kräuterbutter des Zeugnisses. - Sie merken dieses Barbecuemodell hat seine metaphorischen Grenzen, also schmeissen wir es lieber rechtzeitig über Bord.

Wenden wir uns stattdessen einer dynamischeren Metapher zu, die Politiker, Maturredner und Päpste gerne verwenden: jene des Weinberges. Betrachten Sie sich für einen kurzen Moment als Frucht des Bildungsweinberges in Gestalt eines jungen säuselnden Weines. Nach regnerischen und sonnigen Tagen im Weinberg ging der ausdünnende Schnitt an ihnen vorüber, bis zum Tag der Ernte und der grossen Saftpresse, durch die am Schluss alle Trauben müssen. Was künftig auf Sie wartet, ist die richtige Kelterung und der Ausbau im Fass für das ultimative Bouquet und den samtigen Abgang an der Tafel der Gesellschaft. "Hohe Traubenqualität zu erzeugen", las ich auf der Webseite einer deutschen Weinbaugenossenschaft, "heißt, eine möglichst hohe Konzentration an wertgebenden und eine möglichst niedrige Konzentration an wertmindernden Inhaltsstoffen in den Trauben durch ein gezieltes Qualitätsmanagement im Weinberg zu erreichen!". Tönt nicht schlecht, oder? Das könnte auch ein Zitat aus der letzten Pisa-Studie sein. Bleiben wir also bei der - Zitat - "hohen Konzentration der wertgebenden Inhaltsstoffe".

Lassen wir Ihren Reifungsprozess nochmals kurz Revue passieren:

Sie haben sich mit dem Passato remoto der dolce lingua herumgeschlagen. Sie wissen, was eine Differenzialrechnung ist und wozu es diese braucht (das muss mir jemand beim Apéro nochmals erklären). Sie haben Brecht gelesen und sein episches Theater studiert. Sie sind dem chemischen Innenleben von Brausetabletten auf den Grund gegangen. Sie meistern den Feldaufschwung (heisst er noch so?). Sie haben sich - im Latein wie im richtigen Leben - mit erfüllbar und nicht erfüllbar gedachten Wünschen beschäftigt. Sie denken "Dopplereffekt", wenn ein Krankenauto an Ihnen vorbeihornt und der Ton plötzlich tiefer wird. Sie schreiben Gämse selbstverständlich mit ä statt e. Sie kennen Versfüsse und die Regeln des Fussballspiels. Sie wissen von Genen und Genoziden, von Ethik und Genetik und Sie sind ganz nebenbei erwachsen geworden.

Ihre Reife zeichnet sich dadurch aus, von unwahrscheinlich Vielem eine Ahnung erhalten zu haben. Von unwahrscheinlich Vielem auch die letzte Ahnung erhalten zu haben, weil Sie sich nachher nicht mehr mit den Ahnungen der Breite zufrieden geben wollen, sondern nach spezialisiertem Wissen in die Tiefe tauchen. Den Rest Ihres Breitbandwissens, den versenken Sie dann wie eine ausrangierte Nähmaschine im Fluss. Blubb, und weg ist die Algebra, die Geschichte des 30-jährigen Krieges und das Passé simple.

Vielleicht äussert sich Ihre Reifezustand derzeit vor allem darin, dass Sie reif für die Insel sind. Oder für einen Sprachaufenthalt, ein Praktikum, ein Stage. Es gibt viele gute Gründe für ein Zwischenjahr. Die Durchstarter unter Ihnen werden sich hingegen auf einen Bildungsmarkt wagen, der gerade daran ist, sich neu zu erfinden und den Eindruck vermittelt, künftig hocheffizient und zielorientiert zu sein. Die Bildungslaufbahn, die Sie erwartet, ist mehr denn je an Nützlichkeit interessiert. Ihre Aufgabe wird es sein, die Gesellschaft "zukunftsfähig" zu machen, wie das im Jargon der gescheiterten New Economy heisst, und dies am liebsten subito. "Auf der Stufe des Einzelnen", lese ich auf der Webseite von Economie Suisse, der Lobbyorganisation der Schweizer Wirtschaft, "lohnt sich die Investition in das persönliche Humankapital praktisch immer. Es fördert die individuelle Produktivität und führt in aller Regel auch zu einem höheren Lohneinkommen." In die richtige Bildung wird investiert, auf dass die Rendite zurückfliesse. Damit einher geht ein Puschen der als besonders "zukunftsfähig" georteten Bio- oder Lebenswissenschaften; ein seit einigen Jahren verwendeter Begriff, der so tut, als ob die Humanwissenschaften nichts mehr mit dem "Leben" zu tun hätten. Das Verhängnisvolle an dieser Ökonomisierung der Bildung ist nicht die Kritik an allzu verschlafenen Geisteswissenschaften, sondern die gleichmachende Forderung, auch die Geisteswissenschaften sollten endlich verwertbares Wissen produzieren, vergleichbar ihren Kollegen von der Schiffsbautechnik, der Wasserchemie oder der Volkswirtschaft. Ganz im Stile von: "Germanisten steigert das Bruttosozialprodukt!" In dieser Forderung steckt zweitens die Leitvorstellung, dass die Probleme dieser Welt durch Ökonomisierung und biowissenschaftliche Technisierung zu lösen seien, was gelinde gesagt Humbug ist. Ich denke, was wir tatsächlich bräuchten sind "Lebenswissenschaften", die den Namen, den sie tragen, wirklich verdienen. Und das hat mit dem Breitbandwissen Ihrer Diplome und Maturitätszeugnisse vielleicht mehr zu tun als Sie selber glauben. Der Philosoph Adam Smith, gerne zitierter Urvater der liberalen Ökonomie, wusste sehr genau, dass die Wirtschaft auf einem Fundament ruht, das nicht ökonomischer, sondern kultureller Natur ist. Auch das griechische Wort bios lässt sich in keiner Weise auf das Naturmoment reduzieren. bios meint das Leben, die Lebenszeit sowie den Lebenswandel von Menschen - nicht von Tieren. Sodann den Lebensunterhalt, die Nahrung, das Gewerbe und das Vermögen. Bios prägt den Ausdruck für Lebensart, das Verb für "das Leben lassen, fristen, erhalten, erwecken" oder für das, was man "verrichtet". Wollte man also die Biowissenschaften als Lebenswissenschaften begreifen, wäre es eine Reduktion, sie nur als Naturwissenschaften zu verstehen. Das heisst: Der griechische Begriff von "Leben", der über die Naturbasis hinaus die kulturellen und geschichtlichen Dimensionen des menschlichen Daseins integriert, ist dem heutigen Verständnis von Biowissenschaften weit überlegen.

Was heisst das, liebes Humankapital, für Ihre weitere Reifung?

Als Sozialhistoriker, Ausstellungsmacher und Co-Leiter eines Kulturhauses in diesem Kanton, beschäftige ich mich von Berufs wegen mit Alltagskultur, also mit dem puren Leben. Ich tue dies nicht als Wissenschaftler, sondern als Kulturvermittler. Ich habe inzwischen begriffen, dass eine Wissenschaft, die sich nicht mehr selber vermittelt, eine Vermittlung braucht. Das gilt für nahezu jedes Thema. Die Ausstellungen der letzten Jahre reflektierten unser Verhältnis zu den Jugendkulturen, zu Sterben und Tod, zur Automobilität und Autolust sowie - aktuell - zum Thema ,strafen'. Selbst in hochkomplexen medizinischen Fragen, wie der Hirntoddefinition, steckt im Kern eine kulturelle, ethische Frage, die nur kulturell untersucht und beantwortet werden kann. Dazu braucht es Kompetenzen und Sensibilitäten, die mit gewachsenen Werten, Empfindlichkeiten, Tabus, Ängsten umgehen können. Es braucht transdisziplinäre Ansätze, Generalistinnen und Generalisten, Leute, die nicht nur in einer Richtung denken können. Und es braucht eine offene Gesellschaft, die den Diskurs pflegt und sich Plattformen einrichtet, die für diesen Diskurs offen sind.

Wenn ich an die eigene Zeit auf dem Weg zur Maturität denke und sie im nachhinein nicht völlig verkläre, war dies die Zeit der breiten Neugier und der ungezügelten Naschlust - nicht nur für Schulstoffliches versteht sich. Davon wünsche ich mir für "zukunftsfähige" Bildungsabgänger wie Sie sie sind, viel, sehr viel.

Suchen Sie Ihr Futter nicht nur dort, wo Sie das Studium grasen lässt, fressen Sie auch auf anderen Wiesen. Ihr Humankapital trägt später garantiert die höheren Zinsen.

Und noch etwas zum Schluss: Lassen Sie sich mit dem Ausreifen bitte genügend Zeit. Verkürzte Studienzeiten hin oder her. Es gibt nichts Schlimmeres als makellos gereifte Hors sol-Tomaten im März. Sie sind nur früh gereift, aber haben keinen eigenen Geschmack.

Ich danke für die Aufmerksamkeit.

 

Matura- und Diplomfeier2004: Begrüssung des Rektors, Daniel Siegenthaler

Liebe Maturandinnen und Maturanden
Liebe Diplomandinnen und Diplomanden
Sehr geehrte Mitglieder von Behörden und Verwaltung
Sehr geehrte Eltern und Gäste
Liebe Kolleginnen und Kollegen

Ich heisse Sie alle herzlich willkommen zur Matur- und Diplomfeier der Neuen Kantonsschule Aarau.

Ganz speziell begrüsse ich unsere heutige Festrednerin, Frau Susy Brüschweiler. Sie leitet als Vorsitzende der Konzernleitung der SV Group ein Unternehmen mit über 7000 Mitarbeitenden, in 550 Betrieben werden täglich 400'000 Konsumationen getätigt. Unsere Mensa stellt ein kleines Steinchen in diesem Mosaik dar. Sie sehen, dass diese Aufgabe ausserordentliche Führungseigenschaften voraussetzt.

Der heilen und in sich abgeschlossenen Welt tut es gut, wenn das, was unser Leben am meisten betrifft sich darstellen kann. Zu sehen wie in der Wirtschaft mit Macht und Verantwortung umgegangen wird ist für uns sicher spannend und lehrreich. Es freut mich sehr, dass Frau Brüschweiler sich Zeit nimmt und unserer Feier ihren Charme und ihre Gedanken leiht.

Leider musste sich Bildungsdirektor Rainer Huber wegen anderweitiger Verpflichtungen entschuldigen.

Liebe ehemalige Schülerinnen und Schüler

Sie stehen - oder besser sitzen - im Mittelpunkt unserer Feier. Nachdem Sie Ihr letztes Schuljahr beendet und auch die Schlussprüfungen erfolgreich absolviert haben, verlassen Sie nun unsere Schule. Ich darf 103 Maturandinnen und Maturanden sowie 64 Diplomandinnen und Diplomanden gratulieren und Ihnen alles Gute auf Ihrem weiteren Lebensweg wünschen.

Die Abgänger der DMS sind die ersten, die im Kanton Aargau das Diplom nach einer dreijährigen Ausbildung erhalten. Sie sind nun gut vorbereitet - und fühlen sich hoffentlich auch so - auf weitere Ausbildungen im pädagogischen, sozialen und im Gesundheitsbereich. Einige von Ihnen werden auch in eine 3. Klasse des Gymnasiums übertreten.

Die Maturandinnen und Maturanden gehören zum zweiten Jahrgang, der nach dem neuen Maturitätsanerkennungs-Reglement abschliesst. Dieser Lehrgang ist bekanntlich in eine Grundstufe mit Akzentfach sowie eine Vertiefungsstufe mit Schwerpunktfach, Ergänzungsfach, Projektunterricht und Maturitätsarbeit gegliedert.

Die vielfachen Rückmeldungen sowohl von Schüler- wie auch von Lehrerseite zeigen, dass dieser zweistufige Ausbildungsgang von einer überwiegenden Mehrheit geschätzt und gewünscht wird. Im Zentrum stehen substanzielle Vertiefungsmöglichkeiten im Schwerpunkt- und Ergänzungsfach.

Mit der Maturitätsarbeit haben Sie Ihr Gesellenstück abgeliefert, das Ihre Studierfähigkeit dokumentiert. Mit der Zweiteilung - Grundstufe und Vertiefungsstufe - wird zum ersten Mal auch der zunehmenden Reife und Selbständigkeit unserer Schülerinnen und Schüler entsprochen.

Blicken wir kurz zurück: Bei Ihrem Eintritt in unser "Haus des Lernens und Lehrens" waren einige Dinge noch nicht so wie heute. Ariel Sharon hatte den Tempelberg in Jerusalem noch nicht besucht, was im September 2000 die 2. Intifada auslösen sollte, deren verheerende Folgen uns heute noch bewegen und ratlos lassen.

Ein Jahr später, zwei Monate nach dem Eintritt der heutigen Diplomandinnen und Diplomanden geschah das Unerhörte des 11. Septembers. Ich sehe mich noch ungläubig im Gang der Neuen Kanti stehen, als einige der hier anwesenden Maturandinnen und Maturanden die Nachricht von den schrecklichen Attentaten in den USA weitergaben. Das kann doch nicht möglich sein, war meine erste Reaktion.

Die erwähnten Ereignisse beherrschen seither die Weltpolitik. Der Terrorismus wurde zu einem Schlüsselbegriff und erschien in einem neuen Licht. Plötzlich konnte man gegen Terror Krieg führen.

Gegenüber diesen weltbewegenden Ereignissen nimmt sich das Ende der bisherigen bundesrätlichen Zauberformel sehr bescheiden aus, obwohl man auch hier sagen kann, dass diese Veränderungen weiterhin ihre nachhaltigen Wirkungen zeigen.

Und was hat sich in dieser Zeit für Sie geändert? Ein Lebensabschnitt geht zu Ende. Sie interessiert wahrscheinlich mehr, was nun kommt, als was war. (Bald werden sich allerdings die Spuren von Nostalgie breit machen, die Ehemalige mit ihrer Schule verbindet.)

Das Moment des Übergangs ist vielleicht doch eine besonders offene Situation, in der die Frage erlaubt ist: Was bleibt ? Die mühsam für die Prüfungen angeeigneten Detailkenntnisse werden sich bald verflüchtigen. Das ist weiter nicht schlimm. Ohnehin wird sich Ihr Gesichtsfeld nun einschränken auf eine bestimmte Studienrichtung. Da wird für die einen die Stochastik unerheblich, für die anderen die Meteorologie.

Das allgemeinbildende Konzept der Mittelschulen rechnet damit, dass die vermittelte Breite des Fachwissens im Sprach- und im Sachunterricht sowie in den musischen Fächern einen inneren Kern entstehen lässt, den man in der Tradition als Bildung bezeichnet. "Bildung", sagte ein verstorbener deutscher Pädagoge, "ist das, was übrig bleibt, wenn man das zu Lernende vergessen hat." Diese Bildung erschöpft sich nicht in Renommierstücken, wie man sie in mündlichen Prüfungen vorträgt, sondern erweist sich darin, wie man mit anderen Menschen, mit überlieferten Traditionen und der Mitwelt umgeht.

Eine der Grundlagen des Lebens in der Gemeinschaft bildet die Fähigkeit zur Kommunikation. Sie setzt voraus, dass man sich aufgrund von Fakten eine eigene Meinung bilden und formulieren kann. Dazu sind Bilder, auch innere Bilder, Vorstellungen und Orientierungsmuster notwendig, die der eigenen Kritik standhalten müssen. Ich hoffe, dass Sie, liebe Diplomierte, liebe Maturandinnen und Maturanden, sich auch mit Hilfe der Erkenntnisse, die Sie an der Neuen Kantonsschule gewonnen haben, in Zukunft ein solches eigenes Bild machen können.

Auszeichnung von Matur- und Diplomarbeiten

Es ist bereits zur Tradition geworden, dass der Verein der Ehemaligen der Neuen Kantonsschule ausgewählte Abschlussarbeiten prämiert.

Maturitätsarbeiten

Eine Jury unter der Leitung von Stephan Näf wählte drei Maturitätsarbeiten aus, die heute prämiert werden. Lassen Sie mich die Jury-Mitglieder, die eine aufwändige und schwierige Arbeit leisteten, nennen: Es waren Conny Béguelin, Hans Byland, Peter Ehrensperger, Stefan Frei, Otti Grimm, Stefan Guggenbühl und Niklaus Hiltbrunner.

Wir überreichen nun die drei Preise für die Maturitätsarbeiten. Sie werden überreicht durch Roger Baumberger, Präsident des Vereins der Ehemaligen der Neuen Kantonsschule Aarau. Ich stelle Ihnen die kurze Würdigung vor und bitte die Preisträger nach vorne zu kommen:

Urs Bachofner, Tristan Frey 4A
Betreuer: Ruedi Hefti

Die Herstellung eines Super-8 Films

Die Arbeit besteht aus der Planung, der Realisation und der Dokumentation eines Super-8 Trickfilms. Die Autoren erzählen mit einfacher und klarer Bildsprache eine Kurzgeschichte über den Sinn und den Unsinn der Arbeit. Der sorgfältig geplante, mit viel Aufwand und grossem handwerklichen Geschick realisierte Trickfilm, überzeugt inhaltlich und formal vor allem aber durch seine Originalität.

Martin Gutjahr 4C, Daniel Wuffli 4D
Betreuer: Daniel Siegenthaler

Schnittstelle Primarschule / Oberstufe - Wegweiser ins Leben.

Martin Gutjahr und Daniel Wuffli stellen in ihrer Arbeit die vielfältige Problematik des Übertritts von der Primar- zur Oberstufe der aargauischen Volksschule dar. Sie tun dies umsichtig, aufschlussreich, engagiert und umfassend, methodisch und sprachlich kompetent. Es ist erfreulich, den Progress der Meinungsbildung der beiden Verfasser zu verfolgen, für die sie aus vielen mündlichen und schriftlichen Quellen schöpfen.

Michael Fretz 4A, Nathanael Mosimann 4D
Betreuer: Martin Stark

Der Einfluss einer Dehydratation auf die körperliche Leistungsfähigkeit unter Anwendung des Conconi-Tests

Die beiden Autoren haben sich intensiv mit einem aktuellen sportbiologischen Thema auseinandergesetzt und stellten ihr vertieftes naturwissenschaftliches Verständnis über die Tätigkeit der menschlichen Muskulatur unter Beweis. In einer kleinen Versuchsserie unter ausgesuchten Mitstudierenden haben Fretz und Mosimann den sog. Conconi-Test durchgeführt und im Besonderen den Einfluss eines Wassermangels (Dehydratation) auf die Leistungsfähigkeit der Muskulatur untersucht. Die logisch und gut strukturierte Arbeit zeichnet sich aus durch einen sorgfältigen Aufbau und eine kritische und gewissenhafte Würdigung der Experimente, die im Rahmen ihrer eigenen Möglichkeiten und unter ärztlicher Aufsicht durchgeführt wurden.

Diplomarbeiten

Unter der Leitung von Benno Zimmermann wählte eine Jury zwei Arbeiten aus den erstmals durchgeführten Diplomarbeiten aus. Die weiteren Mitglieder der Jury waren Flavio Rohner, Michael Kalkhi, Martin Kloter und Eveline Walter.

Anne-Käthi Kremer 3aD
Betreuer: Beat Hodler

Beschäftigung und Integration Asylsuchender im Bezirk Zofingen..

Die Arbeit geht der Frage nach, wie weit gemeinnützige Arbeitsplätze für Asylbewerber sinnvoll und machbar wären. Die Autorin befragte siebzehn Gemeinden des Bezirks Zofingen und erhob mit einem viersprachig verfassten Fragebogen die Meinung von Asylsuchenden. Es konnte u.a. gezeigt werden, dass sowohl die Gemeinden wie auch die Asylsuchenden eine Veränderung im Bereich der dreimonatigen verordneten "Wartezeit" wünschen. Die Arbeit überzeugt durch die methodische Konsequenz, die differenzierte Argumentation und den klaren Praxisbezug.

Matthias Lüscher 3cD
Betreuer: Thomas Bachmann

Mit Power durch den Alltag - Energieverbrauch in der Schweiz

Als Rahmenhandlung hat Matthias Lüscher den Tagesablauf eines Schülers gewählt. Er zeigt auf, wo und wann Energie konsumiert wird und wo es Möglichkeiten des Energiesparens bzw. - vermeidens gibt. Er stellte diesen Tagesablauf in einem Video dar. Matthias Lüscher hat die komplexe Aufgabe mit viel Phantasie, einem breit angelegten Engagement und einer gesunden Portion Realitätssinn gelöst.

Ich gratuliere den Preisträgern zu Ihren hervorragenden Arbeiten.

Im kantonalen Wettbewerb, der von Pro Argovia und der Aargauischen Naturforschenden Gesellschaft durchgeführt wird, wurde eine weitere Arbeit der Neuen Kantonsschule Aarau ausgezeichnet. Der Preis ist bereits verliehen worden. Cédric Huwyler und Mathias Weyland wurden für Ihre Informatikarbeit "Evolutionäre Optimierung" ausgezeichnet. Betreuer war Michael Kalkhi. Die natürliche Selektion bestimmt das Überleben einer Art. Letztere kann sich durch Erbgutrekombination, Mutation oder Crossover "verbessern". Ein sehr moderner Zweig der Mathematik bzw. Informatik hat sich die Natur zum Vorbild genommen und verwendet dieses Prinzip zur Lösung von Optimierungsproblemen: In einem Pool von möglichen Lösungen werden durch Selektion die schlechtesten ausgemustert, die besseren überleben und dürfen sich fortpflanzen oder sich durch Mutation zum Guten verändern. So erhält man mit der Zeit immer bessere Lösungen für ein Problem. Cédric Huwyler und Mathias Weyland haben eine solche evolutionäre Optimierung beispielhaft und erfolgreich in die Tat umgesetzt.

Verabschiedung von Lehrpersonen

Schuljahresschluss bedeutet Rückblick und Neuanfang. Auch im Lehrkörper stehen uns grosse Veränderungen bevor. Nach den Sommerferien werden vier Lehrerinnen und zwei Lehrer neu an unserer Schule unterrichten. Vorher haben wir jedoch insgesamt 14 Lehrerinnen und Lehrer zu verabschieden. Sieben werden entweder anderswo unterrichten oder sich neuen Aufgaben ausserhalb der Schule zuwenden. Es sind dies:

Barbara Aabid, Bildnerisches Gestalten

Gian Andrea Casanova, Musik und Chor

Martin Kloter, Geschichte, Gesellschaftswissenschaften, Projektunterricht

Friedrich Reufer, Physik

Anja Schmid, Wirtschaft und Recht

Déborah Vogt, Musik

Anne Zimmermann, Wirtschaft und Recht

Ich danke den Lehrkräften herzlich für Ihr Wirken, ihren Einsatz und ihre Tätigkeit an der Neuen Kantonsschule.

Eine Lehrerin und fünf Lehrer beenden ihre lange Lehrtätigkeit an der Neuen Kantonsschule Aarau infolge Pensionierung. Robert Kühnis macht eine seiner bisherigen Tätigkeiten zum Beruf. Die kurzen Würdigungen basieren auf Beiträgen von Kolleginnen und Kollegen, die im Jahresbericht der Neuen Kantonsschule erscheinen werden.

Frau Dr. Marianne Ghirelli

trat 1981 in die Neue Kantonsschule ein. Ihr Unterricht in den Fächern Deutsch und Französisch zeichnete sich durch einen feinfühligen Umgang mit den Menschen und einem reichen kulturellen Wissen aus. Sie war eine geschätzte Lehrerin und eine begehrte Begleiterin auf Klassenreisen. Ihre literarischen Kenntnisse stellte sie auch als Literaturkritikerin der Neuen Zürcher Zeitung zur Verfügung.

Andreas Moor

ist seit 1967 in Aarau und Zofingen Lehrer. Von 1972 bis 1977 leitete er das Lehrerseminar in Zofingen, seit 1977 ist er vollamtlich an der Neuen Kantonsschule tätig. Mit grossem Engagement und Einfühlungsvermögen unterrichtete Andreas Moor Mathematik, anfangs auch Physik. Ausserhalb des Unterrichts setzte er sich in vielen Bereichen ein, in der Fachgruppe oder als Mitglied der Resonanzgruppe für das Projekt Qualitätsentwicklung. Er glättete in hitzigen Diskussionen die Wogen und brachte das jeweilige Problem auf den Punkt.

Dr. Hans Moor

unterrichtet seit 1973 Biologie und Naturwissenschaften an der Neuen Kantonsschule. Besonders am Herzen lag ihm die Arbeit im Praktikum, die Frühexkursionen sowie Spezialwochen. Während der von ihm zusammen mit Dr. Rainer Foelix geleiteten Projektwoche 1995 wurden in der Tongrube Frick zwei Dinosaurierskelette gefunden und freigelegt, die heute im Naturama bestaunt werden können.

Werner Schmid

hat seit 1975 an der Neuen Kantonsschule mit grossem Erfolg Klavierunterricht erteilt. Er hat sowohl die Fachschaft wie auch das Kollegium in seiner ruhigen Art mitgetragen und mitgestaltet. Seine musikalischen Veranstaltungen waren geprägt von immer neuen Ausflügen in unbekannte musikalische Gegenden und von einer kreativen und sorgfältigen Durchführung der Anlässe. In der Öffentlichkeit wirkte er als Liedbegleiter, Ensemblemusiker und Chorleiter, Tätigkeiten, die er auch nach seiner Pensionierung im Januar 2004 weiter pflegt.

René Vögeli

unterrichtete seit 1969 Mathematik an der Neuen Kantonsschule Aarau. Er war von 1974 bis 1981 Abteilungsleiter der Töchterschule und von 1981 bis 1991 Stundenplaner der Neuen Kantonsschule Aarau. In diesen Funktionen sorgte er für wichtige Rahmenbedingungen guten Unterrichts. Als Lehrer legte er grossen Wert auf präzisen Ausdruck. Den Namen unserer Schule machte er sogar über die Landesgrenzen hinaus bekannt durch seine dem Gymnasium angepasste Formelsammlung Mathematik, für die er sogar eine Anfrage für die Zustimmung zum Erstellen in Blindenschrift erhielt.

Dr. Willi Widmer

trat 1971 in die Neue Kantonsschule ein. Er unterrichtete Französisch und Italienisch, war von 1981 bis 1985 Konrektor und leitete die Neue Kantonsschule von 1985 bis 1995 als Rektor. Er ist der tiefen Überzeugung, dass das Wesentliche der Bildung in der Begegnung zwischen Lehrer und Lernenden erfolgt. Er war ein Lehrer und Rektor, der stets präsent war, und der ohne Berührungsängste ebenso auf Kolleginnen und Kollegen wie auf Schülerinnen und Schüler zuging.

Robert Kühnis

tritt nach 32-jähriger Lehrtätigkeit in den Fächern Geschichte, Geografie und Gesellschaftswissenschaften und über achtjährigem Wirken als Rektor aus der Schule aus. Die Schule hat den scheidenden Rektor im Januar bereits gebührend verabschiedet.

Als Lehrkraft zeichnete sich Robert Kühnis durch Originalität, Flexibilität und grosses interdisziplinäres Wissen aus. Seine organisatorischen und handwerklichen Fähigkeiten stellte er mehrmals bei grösseren Festveranstaltungen innerhalb und ausserhalb der Schule unter Beweis . Er unterrichtet immer noch mit Begeisterung, macht jedoch nun eine seiner bisherigen Tätigkeiten, das Restaurieren, zu seinem Beruf.

Ich danke den Lehrkräften im Namen der Schülerinnen und Schüler für ihr engagiertes und erfolgreiches Wirken an der Neuen Kantonsschule Aarau und wünsche Ihnen von Herzen alles Gute auf dem weiteren Lebensweg.

Matura- und Diplomfeier 2004: Maturarede von Susy Brüschweiler

Referat von Susy Brüschweiler, CEO SV Group
Anlässlich Matura- und Diplomfeier Neue Kantonsschule Aarau
25. Juni 2004

Lieber Herr Siegenthaler
verehrte Mitglieder der Schulleitung und der Aufsichtskommission
geschätzte Lehrerinnen und Lehrer der Neuen Kantonsschule Aargau
verehrte Gäste
liebe gefeierte Maturanden und Diplomanden!

Beim Vorbereiten der 10-15 minütigen Ansprache kam mir meine erste Diplomfeier zur diplomierten Krankenschwester in den Sinn. Dies liegt bald 30 Jahre zurück.

Heute stehe ich vor Ihnen als CEO eines Grosskonzerns mit über 7000 Mitarbeitenden in den drei Ländern Schweiz, Deutschland und Österreich.

Mit meinen folgenden Gedanken möchte ich Sie, liebe Diplomanden und Maturanden, ermuntern, Ihren eigenen Weg zu gehen!

Zweimal im Jahr ist Markt im Dorf. Einmal gab es einen Stand, an dem "Husten ade!" verkauft wurde. Laut. Marktschreierisch. Lukas, der Dorfpolizist, hörte das. "Husten ade!", das war genau das, was er brauchte. Seit langer Zeit litt er an einem hartnäckigen Husten. Er kaufte eine grosse Flasche für 19 Franken 90. Zu Hause packte er die Flasche aus und nahm einen grossen, kräftigen Schluck. "Husten ade!" dachte er nur noch...

Glücklicherweise kam seine Frau bald dazu. Sie fand Lukas am Boden liegend, einer Erstickung nahe. Der Arzt kam und ordnete sofort die Einlieferung in das Spital an. Am Boden lag noch die Flasche "Husten ade!" Die Frau nahm sie und las die Etikette: "Mit ,Husten ade!' nie mehr nasse und deswegen kalte Füsse. Keinen Husten und keinen Schnupfen mehr! Einfach die Schuhsohlen mit dieser Dichtungsmasse einstreichen und dann einige Minuten trocknen lassen ..."

Lukas hatte die Gebrauchsanweisung nicht gelesen.

Sie schmunzeln über Lukas? Ich gebe fröhlich zu, dass ich mein Handy in Betrieb nahm, ohne die Gebrauchsanweisung richtig zu lesen. So etwas kann "frau" doch...! Und bevor die Eltern, Lehrerinnen und Lehrer zu einem letzten Mal innerlich den Mahnfinger heben, erinnere ich Sie an ihre Begegnung mit dem Videorekorder, dem neuen Auto ... und was der kniffligen Alltagsgegenstände mehr sind.

Aber für Sie, liebe junge Frauen und Männer ist das anders: Wenn Ihnen in wenigen Augenblicken Ihr Matura-Zeugnis oder Ihr Diplom überreicht wird, bedeutet das, dass Sie "die Gebrauchsanweisung" gelesen haben. Und zwar nicht nur die Gebrauchsanweisung um keine nassen und kalten Füsse mehr zu bekommen - sondern doch recht eigentlich die "Gebrauchsanweisung für Ihr Leben". Ihre "Gebrauchsanweisung" besteht aus Wissen, das Sie nicht nur gelesen haben und (hoffentlich) nicht nur aus wendig sondern auch inwendig gelernt haben. Ihren Eltern, Lehrerinnen und Lehrern und Ihnen sei Dank: was dem Lukas passiert ist, kann Ihnen also nicht passieren. Dafür sind Sie ja nun wohl zu weise...

Heute haben Sie die Matura oder das Diplom erworben. Sie konnten dieses Ziel erreichen, weil Sie Vertrauen in Ihre Fähigkeiten hatten. Ich gratuliere Ihnen dazu, dass Sie Ihr Wissen zertifizieren lassen konnten! Doch das Wissen alleine garantiert noch keinen Erfolg. Dazu braucht es mehr. Es braucht zusätzlich Weisheit , Weisheit im Sinne von Wissen im Tun, in der Umsetzung und Weisheit im Sinne von Lebenserfahrung. Beide Elemente der Weisheit, Wissen im Tun und Lebenserfahrung, werden Sie sich aneignen, wird Ihnen das Leben schenken, vertrauen Sie darauf.

Leider (auch wenn sie es schätzen würden) kann ich meine Ansprache hier noch nicht abschliessen. Es kommt noch etwas dazu, was Theodore Roosevelt ganz knapp und einfach formuliert hat: Neun Zehntel der Weisheit bestehen darin, zum richtigen Zeitpunkt weise zu sein. Und wenn Sie jetzt hoffentlich einige Wochen unbelastete Ferien haben, geniessen Sie diese - bereiten Sie sich aber darauf vor, dass das erlernte Wissen nun nach der Umsetzung verlangt.

Mein Wissen habe auch ich mir in der Schule, in Fachausbildung und Universität erworben. Auch ich habe dafür Diplome erhalten - zum Beispiel wie bereits erwähnt als Krankenschwester. Das Diplom habe ich nie an die Wand gehängt, sondern mein Wissen umgesetzt, angewendet und auch dazugelernt und mir damit die Befähigung erworben, heute einen Betrieb mit 7000 Mitarbeitenden in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich zu leiten. Und wenn jetzt die Frage im Raum steht, "wie hat sie das gemacht?", dann dürfen Sie von mir keine Homestory erwarten. Aber die Erwartung Ihres Rektors an mich und meine Ansprache erfülle ich gern - und komme damit zurück zu Lukas und seinem Hustensaft. Keine Gebrauchsanweisung will ich Ihnen vorlesen, kein Rezept aufs Auge drücken - aber ein Leitwort nennen und Ihnen mitgeben, das mir selber sehr viel bedeutet.

Dazu eine zweite kleine Geschichte:

In einer Stadt führte ein Seiltänzer in schwindelnder Höhe seine Kunststücke vor. Zum Schluss die Hauptattraktion: Er schiebt einen Schubkarren über das schwankende Seil. Als er sicher auf der anderen Seite angekommen ist, fragt er die Zuschauer, ob sie es ihm zutrauen, die Karre auch wieder zurückzuschieben. Die Menschen klatschen begeistert Beifall. Er fragt aber noch ein zweites Mal, und wieder erhält er zustimmenden Beifall. Dann fragt er einen einzelnen, der unten am Mast steht: "Sie, trauen Sie es mir auch zu, dass ich die Karre wieder zurückschiebe?" "Aber sicher!" ruft der zurück und klatscht. "Dann", sagt der Akrobat, "dann kommen Sie doch herauf und steigen Sie ein, dann schiebe ich Sie hinüber!" - Nein, so hatte er es nicht gemeint, er wollte doch Zuschauer bleiben.

Liebe junge Frauen und Männer: Bleiben Sie mit dem von Ihnen erworbenen Wissen nicht Zuschauer! Investieren Sie "Vertrauen" - ein kostbares Gut, ganz besonders in unserer Zeit. Vertrauen Sie sich selber, muten Sie sich etwas zu. Ihre Matura oder Ihr Diplom zeigt Ihnen an, dass Sie Ihren Fähigkeiten vertrauen dürfen! Und schenken Sie Mitmenschen Ihr Vertrauen - nicht blindlings und unbedacht. Vertrauen Sie denen, die nach der Wahrheit suchen, und misstrauen Sie denen, die sie gefunden haben.

Aber ein weiteres kommt dazu: Bieten Sie Ihr Vertrauen an. Leben, handeln und arbeiten Sie so, dass andere Menschen Ihnen vertrauen, vertrauen können und dabei nicht enttäuscht werden. Mit dem heutigen Tag machen Sie einen grossen, wichtigen Schritt in ihre Freiheit und Unabhängigkeit - "hinein ins Leben". Aber aufgepasst: Wer nur mit einem Bein im Leben steht, kann keine grossen Sprünge machen. Ein Zirkel, der kein festes Zentrum hat, zeichnet nur wacklige Kreise. Es braucht beides: Bewegung und Halt, Rad und Achse. Ihr Wissen bringt Ihnen Schwung, Vertrauen bedeutet Halt.

Sie sind in einem Lebensabschnitt, wo Ihre Unabhängigkeit beginnt, wo Sie sich selbst die Richtung für Ihre Zukunft geben, wo Sie über Ihre Zukunftspläne selbst entscheiden. Wer will ich werden, was bin ich heute und was will ich sein?

Für die Antworten auf diese Fragen brauchen Sie Vertrauen, Vertrauen in sich selbst, in Ihre eigenen Fähigkeiten, aber auch in die Fähigkeiten anderer.

Worauf es entscheidend ankommt, ist die Hoffnung und Zuversicht. Wenn Sie aufmerksam waren, haben Sie festgestellt, dass ich neben Wissen das Vertrauen in den Vordergrund stelle. Vertrauen besteht aus Gefühlen, Emotionen.

Liebe Maturanden, Diplomanten, Lehrer und Gäste, die sozialen Kompetenzen machen es aus, ob die reinen Fachkenntnisse zu erfolgreichen Berufsleben führen.

Es ist in diesem Zusammenhang interessant zu wissen, dass die Wurzel des Wortes "Emotion" vom lateinisch "movere" stammt, wobei das Profix "e" hinwegbewegen bedeutet. Im Wort "Emotion" (steckt) wohnt also die Tendenz zum Handeln inne. Mein Ratschlag an Sie (und natürlich auch an mich selbst), wenn Sie dauerhaft glücklich und auch erfolgreich sein wollen, müssen Sie sich gut, ja noch besser kennen. Dazu gehört, dass Sie Ihre Schwächen, aber besonders auch Ihre Stärken kennen.

Beispiel aus dem Sport (EM Portugal): bestens trainiert, aber es läuft ab im Kopf!

Das ganze Leben ist eine ständige Weiterbildung, Neu-Ausbildung, Umbildung, das Leben hält viele Überraschungen bereit, eines ist aber sicher: man und frau hat nie ausgelernt.

Sie sind für sich selbst verantwortlich. Wer Sie sind und wohin Sie gehören, bestimmen immer mehr Sie selbst, nicht mehr die Erwachsenen, sondern Sie selbst.

Vertrauen Sie dabei in sich und haben Sie den Mut, zu sich, zu Ihren Fähigkeiten, aber auch zu Ihren Träumen zu stehen.

Sind Sie mutig und haben Sie Vertrauen!

 

24.06.2004 / Susy Brüschweiler

 

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