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Matura- und Abschlussfeier FMS
Die jährlichen Matura- und Diplomfeiern sind der Anlass par excellence für pädagogisch-schulpolitische Reflexionen. Dies geschieht in Form von Lobreden, Gastreferaten und Zeitungsartikeln. Einiges davon wird hier im Folgenden abgedruckt.
| Matura-, Fachmaturitäts- und Abschlussfeier FMS 2009 |
| Maturarede von Prof. Dr. Andreas Auer |
| Matura- und Abschlussfeier FMS 2008 |
| Maturarede von Madeleine Schuppli |
| Matura- und Abschlussfeier FMS 2007 |
| Maturarede von Ruth Schweikert |
| Matura- und Diplomfeier 2006 |
| Maturarede von Nik Brändli |
| Matura- und Diplomfeier 2005 |
| Maturarede von Beat Hächler |
| Matura- und Diplomfeier 2004 |
| Maturarede von Susy Brüschweiler |
| Matura-, Fachmaturitäts- und Abschlussfeier FMS 2009 |
| Matura- und Diplomfeier 2004: Maturarede von Susy Brüschweiler |
Referat von Susy Brüschweiler, CEO SV Group Lieber Herr Siegenthaler Beim Vorbereiten der 10-15 minütigen Ansprache kam mir meine erste Diplomfeier zur diplomierten Krankenschwester in den Sinn. Dies liegt bald 30 Jahre zurück. Heute stehe ich vor Ihnen als CEO eines Grosskonzerns mit über 7000 Mitarbeitenden in den drei Ländern Schweiz, Deutschland und Österreich. Mit meinen folgenden Gedanken möchte ich Sie, liebe Diplomanden und Maturanden, ermuntern, Ihren eigenen Weg zu gehen! Zweimal im Jahr ist Markt im Dorf. Einmal gab es einen Stand, an dem "Husten ade!" verkauft wurde. Laut. Marktschreierisch. Lukas, der Dorfpolizist, hörte das. "Husten ade!", das war genau das, was er brauchte. Seit langer Zeit litt er an einem hartnäckigen Husten. Er kaufte eine grosse Flasche für 19 Franken 90. Zu Hause packte er die Flasche aus und nahm einen grossen, kräftigen Schluck. "Husten ade!" dachte er nur noch... Glücklicherweise kam seine Frau bald dazu. Sie fand Lukas am Boden liegend, einer Erstickung nahe. Der Arzt kam und ordnete sofort die Einlieferung in das Spital an. Am Boden lag noch die Flasche "Husten ade!" Die Frau nahm sie und las die Etikette: "Mit ,Husten ade!' nie mehr nasse und deswegen kalte Füsse. Keinen Husten und keinen Schnupfen mehr! Einfach die Schuhsohlen mit dieser Dichtungsmasse einstreichen und dann einige Minuten trocknen lassen ..." Lukas hatte die Gebrauchsanweisung nicht gelesen. Sie schmunzeln über Lukas? Ich gebe fröhlich zu, dass ich mein Handy in Betrieb nahm, ohne die Gebrauchsanweisung richtig zu lesen. So etwas kann "frau" doch...! Und bevor die Eltern, Lehrerinnen und Lehrer zu einem letzten Mal innerlich den Mahnfinger heben, erinnere ich Sie an ihre Begegnung mit dem Videorekorder, dem neuen Auto ... und was der kniffligen Alltagsgegenstände mehr sind. Aber für Sie, liebe junge Frauen und Männer ist das anders: Wenn Ihnen in wenigen Augenblicken Ihr Matura-Zeugnis oder Ihr Diplom überreicht wird, bedeutet das, dass Sie "die Gebrauchsanweisung" gelesen haben. Und zwar nicht nur die Gebrauchsanweisung um keine nassen und kalten Füsse mehr zu bekommen - sondern doch recht eigentlich die "Gebrauchsanweisung für Ihr Leben". Ihre "Gebrauchsanweisung" besteht aus Wissen, das Sie nicht nur gelesen haben und (hoffentlich) nicht nur aus wendig sondern auch inwendig gelernt haben. Ihren Eltern, Lehrerinnen und Lehrern und Ihnen sei Dank: was dem Lukas passiert ist, kann Ihnen also nicht passieren. Dafür sind Sie ja nun wohl zu weise... Heute haben Sie die Matura oder das Diplom erworben. Sie konnten dieses Ziel erreichen, weil Sie Vertrauen in Ihre Fähigkeiten hatten. Ich gratuliere Ihnen dazu, dass Sie Ihr Wissen zertifizieren lassen konnten! Doch das Wissen alleine garantiert noch keinen Erfolg. Dazu braucht es mehr. Es braucht zusätzlich Weisheit , Weisheit im Sinne von Wissen im Tun, in der Umsetzung und Weisheit im Sinne von Lebenserfahrung. Beide Elemente der Weisheit, Wissen im Tun und Lebenserfahrung, werden Sie sich aneignen, wird Ihnen das Leben schenken, vertrauen Sie darauf. Leider (auch wenn sie es schätzen würden) kann ich meine Ansprache hier noch nicht abschliessen. Es kommt noch etwas dazu, was Theodore Roosevelt ganz knapp und einfach formuliert hat: Neun Zehntel der Weisheit bestehen darin, zum richtigen Zeitpunkt weise zu sein. Und wenn Sie jetzt hoffentlich einige Wochen unbelastete Ferien haben, geniessen Sie diese - bereiten Sie sich aber darauf vor, dass das erlernte Wissen nun nach der Umsetzung verlangt. Mein Wissen habe auch ich mir in der Schule, in Fachausbildung und Universität erworben. Auch ich habe dafür Diplome erhalten - zum Beispiel wie bereits erwähnt als Krankenschwester. Das Diplom habe ich nie an die Wand gehängt, sondern mein Wissen umgesetzt, angewendet und auch dazugelernt und mir damit die Befähigung erworben, heute einen Betrieb mit 7000 Mitarbeitenden in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich zu leiten. Und wenn jetzt die Frage im Raum steht, "wie hat sie das gemacht?", dann dürfen Sie von mir keine Homestory erwarten. Aber die Erwartung Ihres Rektors an mich und meine Ansprache erfülle ich gern - und komme damit zurück zu Lukas und seinem Hustensaft. Keine Gebrauchsanweisung will ich Ihnen vorlesen, kein Rezept aufs Auge drücken - aber ein Leitwort nennen und Ihnen mitgeben, das mir selber sehr viel bedeutet. Dazu eine zweite kleine Geschichte: In einer Stadt führte ein Seiltänzer in schwindelnder Höhe seine Kunststücke vor. Zum Schluss die Hauptattraktion: Er schiebt einen Schubkarren über das schwankende Seil. Als er sicher auf der anderen Seite angekommen ist, fragt er die Zuschauer, ob sie es ihm zutrauen, die Karre auch wieder zurückzuschieben. Die Menschen klatschen begeistert Beifall. Er fragt aber noch ein zweites Mal, und wieder erhält er zustimmenden Beifall. Dann fragt er einen einzelnen, der unten am Mast steht: "Sie, trauen Sie es mir auch zu, dass ich die Karre wieder zurückschiebe?" "Aber sicher!" ruft der zurück und klatscht. "Dann", sagt der Akrobat, "dann kommen Sie doch herauf und steigen Sie ein, dann schiebe ich Sie hinüber!" - Nein, so hatte er es nicht gemeint, er wollte doch Zuschauer bleiben. Liebe junge Frauen und Männer: Bleiben Sie mit dem von Ihnen erworbenen Wissen nicht Zuschauer! Investieren Sie "Vertrauen" - ein kostbares Gut, ganz besonders in unserer Zeit. Vertrauen Sie sich selber, muten Sie sich etwas zu. Ihre Matura oder Ihr Diplom zeigt Ihnen an, dass Sie Ihren Fähigkeiten vertrauen dürfen! Und schenken Sie Mitmenschen Ihr Vertrauen - nicht blindlings und unbedacht. Vertrauen Sie denen, die nach der Wahrheit suchen, und misstrauen Sie denen, die sie gefunden haben. Aber ein weiteres kommt dazu: Bieten Sie Ihr Vertrauen an. Leben, handeln und arbeiten Sie so, dass andere Menschen Ihnen vertrauen, vertrauen können und dabei nicht enttäuscht werden. Mit dem heutigen Tag machen Sie einen grossen, wichtigen Schritt in ihre Freiheit und Unabhängigkeit - "hinein ins Leben". Aber aufgepasst: Wer nur mit einem Bein im Leben steht, kann keine grossen Sprünge machen. Ein Zirkel, der kein festes Zentrum hat, zeichnet nur wacklige Kreise. Es braucht beides: Bewegung und Halt, Rad und Achse. Ihr Wissen bringt Ihnen Schwung, Vertrauen bedeutet Halt. Sie sind in einem Lebensabschnitt, wo Ihre Unabhängigkeit beginnt, wo Sie sich selbst die Richtung für Ihre Zukunft geben, wo Sie über Ihre Zukunftspläne selbst entscheiden. Wer will ich werden, was bin ich heute und was will ich sein? Für die Antworten auf diese Fragen brauchen Sie Vertrauen, Vertrauen in sich selbst, in Ihre eigenen Fähigkeiten, aber auch in die Fähigkeiten anderer. Worauf es entscheidend ankommt, ist die Hoffnung und Zuversicht. Wenn Sie aufmerksam waren, haben Sie festgestellt, dass ich neben Wissen das Vertrauen in den Vordergrund stelle. Vertrauen besteht aus Gefühlen, Emotionen. Liebe Maturanden, Diplomanten, Lehrer und Gäste, die sozialen Kompetenzen machen es aus, ob die reinen Fachkenntnisse zu erfolgreichen Berufsleben führen. Es ist in diesem Zusammenhang interessant zu wissen, dass die Wurzel des Wortes "Emotion" vom lateinisch "movere" stammt, wobei das Profix "e" hinwegbewegen bedeutet. Im Wort "Emotion" (steckt) wohnt also die Tendenz zum Handeln inne. Mein Ratschlag an Sie (und natürlich auch an mich selbst), wenn Sie dauerhaft glücklich und auch erfolgreich sein wollen, müssen Sie sich gut, ja noch besser kennen. Dazu gehört, dass Sie Ihre Schwächen, aber besonders auch Ihre Stärken kennen. Beispiel aus dem Sport (EM Portugal): bestens trainiert, aber es läuft ab im Kopf! Das ganze Leben ist eine ständige Weiterbildung, Neu-Ausbildung, Umbildung, das Leben hält viele Überraschungen bereit, eines ist aber sicher: man und frau hat nie ausgelernt. Sie sind für sich selbst verantwortlich. Wer Sie sind und wohin Sie gehören, bestimmen immer mehr Sie selbst, nicht mehr die Erwachsenen, sondern Sie selbst. Vertrauen Sie dabei in sich und haben Sie den Mut, zu sich, zu Ihren Fähigkeiten, aber auch zu Ihren Träumen zu stehen. Sind Sie mutig und haben Sie Vertrauen!
24.06.2004 / Susy Brüschweiler
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